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Stephan Mösch und Albrecht Thiemann
Opernwelt Redaktion
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Gebrochene Liebe

Neue Wagner-Literatur


«Es ist bei mir die höchste, die allerhöchste Zeit. Noch ein solch zersplitterndes Jahr, und nie – nie werden meine Werke vollendet oder geschrieben.» Als Wagner das 1866 schrieb, befand er sich wieder einmal an einem Wendepunkt seines Lebens. Drei Monate später fand er sein «kleines Schloss» in Tribschen, wo er Mitte April einzog: mit Cosima, der noch verheirateten von Bülow. Im selben Jahr brachte er die Komposition der «Meistersinger» endlich voran. Biografisch spannend sind natürlich die vielen Schreiben, die er an Cosima richtete. Der Zwang zur telegrammatischen Kürze produziert bisweilen die schönste Dada-Lyrik: «Allright sagt Peter der Große. Kataplasmen, Bäder, Meistersinger, Russumuk, Sonne innigl. Hochachtung. Was mehr?» All das ist jetzt nachzulesen im 18. Band der neuen Briefausgabe. Wieder handelt es sich um eine editorische Glanzleistung. Auch wenn «nur» 34 Schreiben hier erstmals gedruckt vorliegen, so ist die Zahl der unbekannten Briefe weit höher: Vieles war bislang nur auszugsweise, fehlerhaft oder an den entlegensten Stellen publiziert.


Richard Wagner: Sämtliche Briefe, Bd. 18 (1866). Hrsg. von Andreas Mielke. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2008. 48 Euro.


Die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger veröffentlichte bereits eine profunde Minna-Wagner-Biografie (siehe OW 9-10/2003), nun legt sie mit einem Buch nach, das die spezifische Art «männlicher» und «weiblicher» Vertonungsstrategien Wagners und sein Frauen- und Männerbild unter die Lupe der Genderforschung legt. Genaue Analysen stehen neben befremdlichen Einschätzungen, ernüchternde Schlüsse neben pauschalen Urteilen. Erscheint «die Frau» bei Wagner pauschal als schwaches Wesen, das im Liebesopfer für «den Mann» seine Bestimmung finden soll, so wird Wagner – nicht ohne Grund – in der stereotypen Geschlechterhistorie des 19. Jahrhunderts verankert. Eva Rieger benennt zwar die Differenzierungen des Wagner’schen Frauenbildes, doch hat man(n) den Eindruck, dass sie mitunter das Kind mit dem Bade ausschüttet: Die Wagner’schen Männer sind in dieser Optik grundsätzlich liebesunfähig, Frauen bloße Opfer der männlichen Verhältnisse. Erkauft werden diese Thesen mit unscharfen Deutungen der musikdramatischen Sachverhalte. Dechiffrierungen eines musikalischen Sinnes sind, trotz verbürgter Klangrede, oft schwierig; diejenigen von Eva Rieger sind meist stimmig, bisweilen aber auch sehr einseitig. Die Autorin liest zwar intensiv in, doch nicht immer zwischen den Zeilen von Musik und Dramaturgie.


Eva Rieger: «Leuchtende Liebe, lachender Tod». Richard Wagners Bild der Frau im Spiegel seiner Musik. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2009. 24,95 Euro.


Oliver Hilmes hat seiner Cosima-Wagner-Biografie (siehe OW 7/2007) nun, quasi als Extrakt, eine weitere Familiengeschichte folgen lassen. Anders als Jonathan Carr, der mit seinem «Wagner-Clan» (siehe OW 7/2008) lediglich Sekundärliteratur ausgewertet hat, begab sich Hilmes in die Bayreuther Wagner-Archive, um bedeutende und weniger bedeutende Funde zu machen. Interessant ist insbesondere die Geschichte jener Kinder, die sich – anders als der Nachwuchs der Familie Mann – keinen eigenen Namen machen konnten: Daniela und Blandine. Pflegte die eine aggressiven Wagner-Kult, so wurde die andere in psychisch defizitäre Vereinsamung getrieben. Eine Familiengeschichte gestörter Existenzen. Wer sich für die Bedeutung eigentlich unbedeutender Figuren interessiert, die keine Chance hatten, im Schatten übermächtiger Eltern ein eigenständiges Leben zu führen, wird sie mit Interesse lesen.

Frank Piontek


Oliver Hilmes: Cosimas Kinder. Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie. Siedler Verlag, Berlin 2009. 22,95 Euro.

Die listige Witwe
Alma Mahler-Werfels Briefe an Alban und Helene Berg sind erstmals veröffentlicht worden


Die Enttäuschung zuerst: Eine intime Beziehung zwischen Alma Mahler-Werfel und Alban Berg ist nicht nachweisbar, ja unwahrscheinlich. Undenkbar hingegen nicht, schließlich war ihre Männer-Sammelleidenschaft legendär, und auch er war kein Kostverächter (entgegen der Darstellung seiner Witwe Helene Berg). Einen Schluss erlauben die nun erstmals veröffentlichten Briefe Almas an Alban und Helene auf jeden Fall: Das Verhältnis zwischen Berg und der Witwe seines großen Idols Gustav Mahler war enger, als bisher angenommen – enger, als es Bergs Violinkonzert nahe legt, das dem Andenken von Almas Tochter Manon Gropius gewidmet ist. Selbst Oliver Hilmes räumt in seiner quellengesättigten Alma-Biografie («Witwe im Wahn», 2004) Berg und seiner Frau keinen nennenswerten Platz ein.
450 Briefe Mahler-Werfels, 34 meist im Entwurf überlieferte Schreiben Bergs sowie 80 erhaltene Dokumente seiner Frau versammelt diese von Martina Steiger akribisch erarbeitete Edition, und neben dem quantitativen ist auch der zeitliche Umfang erstaunlich: Die Korrespondenz erstreckte sich nicht nur auf die Lebensjahre Bergs (gestorben 1935); sie reichte bis in die letzten Jahre Alma Mahler-Werfels (gestorben 1964), als sie mit Helene Berg (gestorben 1976) das Schicksal einer langen Witwenschaft teilte.
Begonnen hatte alles mit Almas erster Verwitwung: Unmittelbar nach Gustav Mahlers Tod 1911 suchte sie Kontakt zu anderen Künstlern – nach einem Muster, das dem Buch den Titel gab: «Immer wieder werden mich thätige Geister verlocken». Einer davon war der junge Alban Berg, dem sie bei der finanziellen Unterstützung seines Lehrers Arnold Schönberg half. Schnell wird der Austausch persönlich, Bergs Frau «Helenerl» wird vom sechs Jahre älteren «Almschi» geradezu manisch als Freundin begehrt – was dem außenstehenden Leser aufdringlich erscheint, zumal Alma so entflammbar wie verletzbar wirkt. Ihr knapper Befehlston und die wortreichen Antworten Helene Bergs ähneln verblüffend dem asymmetrischen Briefverhältnis zwischen Arnold Schönberg und Alban Berg.
Immerhin half Mahler-Werfel auch Berg mit Geld aus, als dieser 1923 den Klavierauszug seines «Wozzeck» im Selbstverlag herausgeben musste. Und es war nicht zuletzt ihrer List geschuldet, dass Erich Kleiber den Siegeszug dieser Oper durch die Theater der 1920er Jahre anführte. Wobei es für sie kein Widerspruch war, den ihr gewidmeten «Wozzeck» zu bewundern und im nächsten Brief für den Faschismus zu schwärmen – als Gattin Franz Werfels, wohlgemerkt.
Alma Mahler-Werfel versuchte sogar, Alban Berg von ihren fragwürdigen Vorlieben zu überzeugen. Seine Absicht, in einer zweiten Oper Gerhart Hauptmanns «Und Pippa tanzt!» zu vertonen, kam ihr sehr gelegen – doch selbst sie konnte Hauptmann nicht von überzogenen Tantiemenforderungen abbringen. Die stattdessen in Angriff genommene «Lulu»-Oper nach Frank Wedekind galt in Bergs Umkreis (und nicht nur dort) als anrüchig, obwohl Berg Wedekind zeitlebens bewunderte. Mit Werfel sah es anders aus: Der literarisch ambitionierte Komponist schätzte Almas dritten Gatten zunächst überhaupt nicht. Doch 1934 spielte er mit dem Gedanken, Musik für eine Hollywood-Verfilmung von Werfels Armenien-Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» zu schreiben – der Film kam allerdings ebenso wenig zustande wie die Partitur.
Etliche Details aus Bergs Biografie und aus dem Umfeld der Wiener Schule sind in dieser Briefsammlung verborgen. Martina Steiger hat die Quellen im Alleingang recherchiert, transkribiert und kommentiert – wobei ihr der Anmerkungsapparat durch überflüssige Detailinformationen leider viel zu üppig geraten ist (wer interessiert sich etwa für das Geschäftsgebaren Villacher Apotheken anno 1919?). Zu wenig Mühe wurde dagegen in die Gestaltung des Buches investiert: Das unhandliche Format und das unübersichtliche Layout des kiloschweren Bandes erweisen der Arbeit der Herausgeberin letztlich einen Bärendienst.
Olaf Wilhelmer

Martina Steiger (Hrsg.): «Immer wieder werden mich thätige Geister verlocken». Alma Mahler-Werfels Briefe an Alban Berg und seine Frau.
Seifert, Wien 2008. 672 Seiten. 26,90 Euro.
«Gehen, ohne irgendwohin zu gelangen»
Widerhall im Werk: der Band «Komponisten im Exil»


Fangen wir mit denen an, die fehlen. Kurt Weill, Erich-Itor Kahn, Bohuslav Martinu, Leopold Spinner, Ernst Toch. Sie alle (und andere mehr) waren Komponisten, die aus unterschiedlichen Gründen gezwungen wurden, ins Exil zu gehen, und dennoch kommen sie in diesem Buch nicht vor. Warum die Genannten keinen Eingang gefunden haben, erklärt sich aus dem Vorwort des Herausgebers Ferdi­nand Zehentreiter nicht, wohl aber die Tatsache, dass dieser eine Auswahl treffen musste, die repräsentativ und markant zugleich sein will (und aufgrund des festgesetzten Umfangs eben ohne Streichungen nicht auskam). Der Band «Komponisten im Exil» versammelt sechzehn Künstlerschicksale des 20. Jahrhunderts und fast ebenso viele Autoren. Unternommen wurde hier der Versuch, das «Zeitalter der Extreme» (Eric Hobsbawm) auf einem exponierten Feld zu porträtieren.
Damit ist ein hoher Anspruch formuliert. Eingelöst wird er nur zum Teil. Wobei das Problem wohl in erster Linie da­rin liegt, dass die Autoren den Spagat wagen mussten, Biografie und Werk in eins zu setzen und dennoch nicht in den Verdacht geraten wollten, das Leben und Wirken der betroffenen Komponisten einfach nur abzuhaken: In den meisten «Fällen» markierte das Exil zwar einen Einschnitt, betraf aber nicht die gesamte Lebensdauer des Komponisten. Mit einem Wort: Das (schwie­rige) Verhältnis von Form und Inhalt stand hier ebenso auf dem Prüfstand wie das (noch problematischere) Verhältnis von Ursache und Wirkung.
Dem waren nicht alle Autoren gewachsen. Doch wäre es müßig, sich auf die schwächeren und wenig inspirierenden, kaum Nennenswertes oder Aufschlussreiches bietenden Beiträge (über Korngold, Ligeti, Hindemith und Panufnik) zu kaprizieren. Das Buch offeriert darüber hinaus einige markante Essays, die das Wesen von Exil (vulgo: Emigra­tion) sowie seine direkten und indirekten Auswirkungen auf die psychologische Verfassung und vor allem die Verfasstheit der Kompositionen selbst zu benennen wissen. Nachgerade gran­dios (auch sprachlich auf allerhöchstem Niveau) gelingt dies Max Nyffeler in seinem Beitrag über Iannis Xenakis. Grandios deshalb, weil er die biografischen Verwerfungen und ihren Widerhall im Werk mit einer Plausibilität aufzeigt, die das Spekulative meidet, aber dennoch genügend Freiraum für die (semantische wie musikalische) Interpretation lässt. Nyffeler spricht von jener Wunde, die Xenakis als 22-Jähriger zugefügt wird (von einer Granate), und die ihn zeitlebens zeichnet, als von etwas, das geradezu parabelhaft wirkt. Exil, das ist per se immer Wunde gewesen; nur die Ausprägungen sind different. Nyffeler zitiert hierzu einen Ausspruch Xenakis´, der das prägnant zum Ausdruck bringt: «Man kann auch gehen, ohne irgendwohin zu gelangen.»
Anschaulich wird das Wesen des Exils auch bei jenen Komponisten beschrieben, die in der Opernwelt eine bedeutende Rolle spielen oder gespielt haben, deren Œuvre aber (noch) nicht hinlänglich rezipiert ist. Ein profundes Beispiel, wie sehr hier die politischen Verhältnisse die Aufführung von Opern erschwert oder gar unmöglich gemacht haben, ist Sergej Prokofjew (Harlow Robinson, «Emigration als Pendelbewegung»). Dessen erste abendfüllende Oper «Der Spieler» etwa, die Meyerhold am Mariinsky-Theater herausbringen wollte, konnte 1917 nicht aus der Taufe gehoben werden, weil die Wirren der Feb­ruarrevolution es nicht zuließen; erst zwölf Jahre später kam es zur Uraufführung, zu einem Zeitpunkt, als «Die Liebe zu den drei Orangen» längst in Chicago auf die Bühne gelangt war (1921). Ebenso erging es jenen Bühnenwerken, die Prokofjew der New Yorker Metropolitan Opera anbot, so unter anderem «Der feurige Engel». Die Met lehnte dankend ab, auch Paris, in jener Zeit dem Ballett Diaghilevs und Strawinskys weit mehr zugeneigt als der (bürgerlichen) Kunstgattung Oper, zeigte kein Interesse. Prokofjew wandte sich frustriert ab – und kehrte 1936 aus dem Exil zurück nach Russland, wo aber von den vier Opern, die er komponierte, nur zwei aufgeführt wurden.
Es ist das Verdienst des Buches, dass dieses Spannungsverhältnis vielgestaltig dargestellt und auch anhand des Schicksals von (Opern-)Komponisten exemplifiziert wird, deren Œuvre durch das Exil der Vergessenheit anheim fiel (Ivan Wischnegradsky, Mieczyslaw Weinberg, Stefan Wolpe) oder im Spiegel der Musikwelt zumindest in Teilen verzerrt erscheint wie im Falle von Béla Bartók oder Darius Milhaud.
Jürgen Otten

Komponisten im Exil. 16 Künstler­schicksale des 20. Jahrhunderts.
Hrsg. von Ferdinand Zehentreiter.
Henschel Verlag, Berlin 2008. 317 Seiten,
mit Fotos. 29,90 Euro.
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