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Die Bilanz - Jahrbuch 2009
Aus der Fülle oder: Was bleibt von 2008/2009?
Die Bilanz der Spielzeit im Urteil von 50 Opernkritikern


Wer hat die erfolgreichste Oper aller Zeiten geschrieben? Klar, Mozart mit der «Zauberflöte».War ja schon immer so. Auch in der aktuellen Statistik des Deutschen Bühnenvereins rangieren Pamina, Tamino & Co. wieder vorn. 40 Inszenierungen, 453 Aufführungen, 289 964 Besucher – von solchen Quoten können Mimì und Rodolfo, die Zweitplatzierten, nur träumen. Hat es zur Abwechslung mal ein Stück in die Top Twenty geschafft, das nach der Zwölfton-Revolution geschrieben wurde? Nein.Wieder nicht. Sind die Opernmacher also einfallslos und risikoscheu? Ist das Repertoire dramatisch geschrumpft? Quotenstatistik bildet nur eine Seite der Medaille ab: Sie zeigt, was läuft. Und das sind nun mal Stücke, die man kennt. Weil sie schön sind.Weil sie gut sind.Weil sie einen Nerv treffen.Weil sie mit unserem Leben zu tun haben. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
Die andere Seite der Medaille: Nie gab es ein breiteres Angebot an Stücken, Stilen, Stoffen und – ja doch – vitalen Deutungen als heute. Die Rede vom Opernmuseum, von der Wiederkehr des Immergleichen hat mit der Realität wenig zu tun. Kein Stadttheater, das nicht auf Schatzsuche ginge. Keine Landesbühne, die sich nicht auf neue Töne einließe. Man sollte vielleicht mal nach Halle auf Robert Kurkas «Schwejk» oder nach Gießen auf Samuel Barbers «Vanessa» schauen, Bonns Einsatz für Szymanowskis «König Roger» würdigen oder das Niveau, mit dem Bremerhaven Reimanns «Melusine» bewältigt, bevor man ins Krisen- Lamento einstimmt. Die Liste ließe sich mühelos fortsetzen. Frische Ideen, kurzgeschlossen mit der Gegenwart – das gilt ganz besonders für das Theater Basel. Seit 2006 wird das größte Dreispartenhaus der Schweiz von Georges Delnon geleitet.Operndirektor Dietmar Schwarz hat viele Akzente setzen können, die über die Grenzen der Grenzstadt hinausstrahlten. Das betrifft zunächst eine solide Ensemblearbeit, die für konstant hohes Niveau sorgt. Dann: Die Mischung aus Musical, Mainstream und Randständigem ist klug kalkuliert. Für Vivaldi holt Dietmar Schwarz sich Andrea Marcon; ein neues Stück von Carola Bauckholt («hellhörig») hebt er gemeinsam mit der Münchener Biennale aus der Taufe. Auf Wagners «Holländer» folgen Bergs «Lulu» und Poulencs «Karmeliterinnen» – eine Reihe, die bloß aufs angeblich bequeme Abo-Publikum zielt, sähe anders aus. Auffällig auch: die künstlerische Fortüne mancher Regisseure, die in Basel zu Hochform auflaufen, während sie anderswo nicht selten scheitern. Philipp Stölzl etwa («Holländer») oder Calixto Bieito («Lulu») lieferten hier Arbeiten ab, die zu ihren besten gehören. Kein Wunder: An engagierten Sängerdarstellern herrscht kein Mangel – dank einer Besetzungspolitik, die weiß, wer mit wem kann und wer nicht (der Lulu-Coup mit Marisol Montalvo ist nur ein Beispiel). Kurz: Basel ist Opernhaus des Jahres. Zum zweiten Mal (nach Graz 2001) wird damit die herausragende Gesamtleistung eines Theaters gewürdigt, das nicht in Deutschland liegt – und das mit klaremVotum (siehe Seiten 8 bis 17).
Eindeutig ist das Ergebnis auch im Fall der Magical-«Parsifal»- Tour, die seit 2008 den Grünen Hügel in Bayreuth aufmischt. So viel pralle Bilderlust und Fabulierkunst, so viel geschichtssatter Kulissenzauber war noch nie im Festspielhaus. Die Villa Wahnfried und das Deutsche Reich unter Wilhelm Zwo, das Kreuz mit dem Hakenkreuz, Untergang und Wiederauferstehung der Kulturnation im Parlament am Rhein: Wagners Bühnenweihfestspiel als unterhaltsam-freche Histo-Farce. Aber nicht nur. Auch tiefenpsychologische Verästelungen werden gezeigt und die Rezeption des kunstreligiös aufgeladenen Weltabschiedswerks selbst. Die Kritiker unserer Umfrage waren begeistert und hoben gleich drei Masterminds der Dekonstruktions-Revue aufs Podest: Stefan Herheimist (wie schon 2007) Regisseur des Jahres, die Bühnenbildnerin des Jahres heißt Heike Scheele, Gesine Völlm ist die Kostümbildnerin des Jahres. Die Aufführung des Jahres also ein Triumph der Teamarbeit, zu der nicht zuletzt der Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach gehört (mehr auf den Seiten 18 bis 33).
Der Zufall will es, dass sich auch das Buch des Jahres mit «Parsifal » und Bayreuth auseinandersetzt. «Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit » von Stephan Mösch versucht, Werk und Wirkung aufeinander zu beziehen. Es geht um den geistesgeschichlichen Hintergrund des Bühnenweihfestspiels und um seine theaterpraktische Realisierung. Um Wagners Proben also und um die spätere Verfremdung seiner Ideen. Damit auch um die Frage nach dem Antisemitismus im frühen Bayreuth. Dazu wurden viele unbekannte Quellen ausgewertet und die Methoden von Musik- und Theaterwissenschaft füreinander fruchtbar gemacht (Verlage Bärenreiter/Metzler).
Wenn Kirill Petrenko zum zweiten Mal (nach 2007) bei unserer Umfrage zum Dirigenten des Jahres gewählt wurde, so deutet auch das darauf hin, dass das Beste immer dann gelingt, wenn Künstler sich als Teil eines kreativen Organismus verstehen. Petrenko ist nicht nur ein Pult-Visionär, der bis ins letzte musikalische Detail weiß (und vermitteln kann), was er will, sondern ein konzentrierter, geduldiger Zuhörer, der den Dialog mit «seinen» Solisten und Regisseuren sucht. Anja Silja, Christof Loy und Christine Mielitz erzählen von der Arbeit mit einem Dirigenten, dem die Suche nach ästhetischer Wahrheit wichtiger ist als die eigene Person (ab Seite 110). Strauss’ «Intermezzo» war unter seiner Leitung am Theater an der Wien geradezu neu zu entdecken, sein Plädoyer für Pfitzners «Palestrina» an der Oper Frankfurt und seine «Jenufa» an der Bayerischen Staatsoper haben viele Kritiker unserer Umfrage beeindruckt.
Apropos München. Während das neue Führungsduo – Intendant Nikolaus Bachler und GMD Kent Nagano – in seiner ersten gemeinsamen Spielzeit zwischen hochtrabendem Anspruch und (oft) fader Realität lavierte, kann das Haus ein echtes Novum für sich reklamieren: Sängerin und Sänger des Jahres kommen diesmal aus derselben Produktion. Im Münchner «Lohengrin» gaben Jonas Kaufmann (Debüt in der Titelpartie) und Anja Harteros (Elsa) ein vokales Traumpaar, das trotz der planen Regie von Richard Jones in Bann schlug. Zudem beweist dieses Votum aufs Schönste den Rang und Eigenwert von Live-Erlebnissen: Stimmen klingen im Raum einfach anders, oft reicher, farbiger, dramatischer, als ein Mikrofon das je einfangen könnte. Jonas Kaufmann und Anja Harteros lieferten die Probe aufs Exempel: Ihre CDs lassen manchen Wunsch offen; auf der Bühne aber entfalten sich Klang, Volumen und Spezifika ihrer Stimmen ganz frei. Kurz: Man hört, was in ihnen steckt (ab Seite 4). Was passieren kann, wenn aus dem Blick gerät, wofür ein Haus steht und streitet, zeigt sich derzeit an der Staatsoper Stuttgart. Da haben wir einen Intendanten (Albrecht Puhlmann) der teils glücklos, teils fahrlässig agiert; der schweigt, wenn er das Wort ergreifen müsste, und poltert, wenn er lieber geschwiegen hätte. Zudem einen GMD (Manfred Honeck) der, weil ihm eine Inszenierung (Stanislas Nordeys «Lohengrin») nicht passt, offen die Machtfrage stellt. Und ein politisches Milieu, das nur nach Auslastung und Ranking schielt und sonst vor allem eines haben will: Ruhe. Das Ergebnis ist deprimierend: Puhlmann wurde abserviert; die Suche nach einem Nachfolger trägt dilettantisch-groteske Züge; der Ruf eines Hauses, das in dieser Umfrage sechsmal zum «Opernhauses des Jahres» gewählt wurde, steht auf dem Spiel. Kaum überraschend, dass die Stuttgarter Opernverhältnisse als Ärgernis des Jahres eingestuft werden (Seite 52-57).
Erfreulich dagegen ist das breite Spektrum der Uraufführungen des Jahres: Drei neue Stücke hinterließen bleibende Eindrücke – Stücke von denkbar unterschiedlichem Zuschnitt. Nur den Rückgriff auf «große» Literatur haben sie gemeinsam. Während Wolfgang Rihms Goethe-Vertonung «Proserpina» vom Fluidum des Altmeisterlichen umwölkt ist (Schwetzingen), erkundet Christian Jost in seinem «Hamlet» die Möglichkeiten eines variabel montierbaren Totaltheaters (woraus die Komische Oper Berlin, die das Stück in Auftrag gab, freilich kein Kapital schlug). Salvatore Sciarrino spürt in «La porta della legge» der bohrenden Stille, dem in sich kreisenden Klang des Kafka’schen Prosastücks «Vor dem Gesetz» nach – die Uraufführung fand in Wuppertal statt (mehr ab Seite 34). Die Voten sprechen nicht von einer einzelnen Handschrift oder einer ästhetische Schule. Sie spiegeln die Vielfalt des aktuellen Musiktheaters.
Die Wiederentdeckung des Jahres gilt einem Komponisten, der wie kein zweiter die Sprachen wechselte – zwischen Klassizismus, Vaudeville und Dodekaphonie vagabundierend: Ernst Krenek. Im vergangenen Jahr rückten die Bregenzer Festspiele zwei Stücke wieder ins Rampenlicht, die schon fast in der Versenkung verschwunden waren: die Satire «Kehraus um St. Stephan» und das episch dimensionierte Musikdrama «Karl V.». Höchste Zeit, sich mit dem Musiktheater-OEuvre Kreneks zu befassen, das rund zwanzig Stücke umfasst (Seiten 42 bis 51).
Es lohnt sich, die auf den folgenden Seiten dokumentierten Voten von 50 Kritikern wirklich zu lesen. Viele Farben, Aspekte, Entdeckungen, der ganze Reichtum der Opernszene erschließt sich erst aus den Details. Etwa, wo Christiane Karg, die Nachwuchskünstlerin des Jahres, Aufmerksamkeit auf sich zog oder wie knapp der Vorsprung für die Orchester des Jahres (Bayerisches Staatsorchester, Museumsorchester Frankfurt) sowie für den Chor des Jahres (der wie 2008 von der Deutschen Oper Berlin kommt) ausgefallen ist.
Klar liegen die Dinge bei der CD des Jahres: Gold für Mozarts «Idomeneo» (Harmonia Mundi) mit dem Freiburger Barockorchester und dem RIAS Kammerchor unter René Jacobs (der in dieser Kategorie zum vierten Mal die meisten Stimmen erhielt; ab Seite 114).
Die Oper ist vital und bunt wie das richtige Leben. Davon verraten Statistiken, die nur Besucherzahlen berücksichtigen, nichts. Weil sie nicht nach dem Was, nach dem Wie und dem Warum fragen. Das Opernangebot ist zu opulent und facettenreich, als dass es sich in ein Raster zwingen ließe.

Albrecht Thiemann
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